75 Jahre Oratorienchor

Die Geschichte des Oratorienchores ist geprägt von einer außergewöhnlichen Kontinuität der musikalischen Leiter:
dem Gründer Erich Werner von 1951 - 1970,
Hans Joachim Haarbeck von 1971 - 1999,
Carsten Wiebusch von 1999 - 2018, und
Peter Gortner seit 2018.

Erich Werner gestaltete seit 1948 das Musikleben am Bismarck-Gymnasium in Karlsruhe. Von seiner musikalischen Freude inspiriert, motivierte er Schüler, Lehrer, Eltern und Freunde der Schule zum Singen in einem großen Chor. Im Dezember 1950 dirigierte er das erste Konzert mit dem Weihnachtsoratorium von J. S. Bach in der Stadthalle Karlsruhe, begleitet von der Badischen Staatskapelle.
Vom großen Erfolg motiviert, wurde ein eigenständiger Chor unter dem Namen Oratorienchor Karlsruhe - Chor von Freunden des Bismarck-Gymnasiums Karlsruhe - gegründet und 1951 als e.V. institutionalisiert. Das Gründungskonzert vor genau 75 Jahren fand am 25. November 1951 mit dem Requiem von G. Verdi unter der Stabführung von Erich Werner mit der Badischen Staatskapelle in der Stadthalle Karlsruhe statt.
 
Erich Werner war ein sehr engagierter Förderer insbesondere junger Menschen und konnte so seine Musikbegeisterung auf unzählige Schülerinnen und Schüler übertragen, sie für die Chorarbeit motivieren, und durch die Teilnahme an vielen Konzerten das gemeinsame musikalische Erleben unterstützen. Eine sehr intensive Chorarbeit war es tatsächlich, denn zweimal pro Woche fanden abends die Chorproben in der Aula des Bismarck-Gymnasium statt.
Einstudiert wurden die großen oratorischen Werke von Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Berlioz, Mendelssohn, Verdi, Bruckner, Brahms, Dvorak, Mahler, Debussy, Kodaly, Strawinsky, Franck, bis in die Moderne mit Sutermeister, Gagnebin, Philipp oder der Lucas Passion von Penderecki. Engagements auch unter der Leitung von bekannten Dirigenten und Orchestern an attraktiven Konzertorten in Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Italien folgten, sodass sich der Oratorienchor recht schnell einen überregionalen Ruf erarbeiten konnte.
 
Die im heutigen Jubiläumskonzert erklingende Schöpfung von J. Haydn sang der Chor erstmals vor genau 62 Jahren, am 27.06.1965 zum 250. Jubiläum der Stadt Karlsruhe.
Im Herbst 1970 wurde Erich Werner der Aufbau eines Musikgymnasiums in Adelsheim übertragen, sowie als neu ernannter Professor der Vorsitz des Prüfungsamtes für die Musikhochschulen des Landes. Durch diese vielfältigen Aufgaben und die räumliche Entfernung war die weitere Leitung des Oratorienchores nicht mehr möglich. Das letzte von ihm erarbeitete Konzert erfolgte Mitte November 1970.
 
Als Nachfolger begann zum Jahresbeginn 1971 Hans Joachim Haarbeck, der Kantor der Christuskirche, seine Probentätigkeit und leitete bereits am 4. April 1971 erstmals den Oratorienchor mit der Matthäuspassion von J.S. Bach, gemeinsam mit dem Chor der Christuskirche.
Der Oratorienchor Karlsruhe gestaltete in den folgenden Jahren weiterhin vorwiegend Werke der großen oratorischen Literatur unter Erweiterung des bisherigen Spektrums, z.B. mit Schubert, Liszt, Janáček, Martin, Fauré, Reger, Britten und Schönberg. Besonders bemerkenswert war die Aufführung des Werkes Maximum est unum des zeitgenössischen Karlsruher Komponisten Wolfgang Rihm, der als Schüler selbst im Oratorienchor gesungen hat. Auch das im diesjährigen zweiten Jubiläumskonzert (21. November 2026) erklingende War Requiem von B. Britten wurde unter Hans Joachim Haarbeck in der Christuskirche aufgeführt.
 
In den späten 1970er Jahren erfolgte die räumliche und ideelle Lösung des Oratorienchores vom Bismarck-Gymnasium hin zur Christuskirche. Neben der umfangreichen chorischen Arbeit innerhalb seiner Kantorentätigkeit erfüllte H. J. Haarbeck auch die Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Bis zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand 1999, führten beide Chöre gemeinsame Projekte z.B. bei den Karlsruher Musiktagen, in Salzburg und Nancy durch.
 
1999 übernahm Carsten Wiebusch die Leitung beider noch getrennt agierender Chöre (Chor der Christuskirche und Oratorienchor). Nach der Gründung des Kammerchores der Christuskirche 2002, fusionierten Oratorienchor und der Chor der Christuskirche zu dem heutigen Oratorienchor Karlsruhe an der Christuskirche und führten die bewährte gemeinsame Konzerttätigkeit fort. Für diese Jahre seien exemplarisch Festkonzerte mit großen Werken genannt: das Deutsche Requiem von Brahms zu 100 Jahre Christuskirche (2000), Mendelssohns Elias zu 50 Jahre Oratorienchor (2001), Suters Le Laudi zur Orgeleinweihung der neuen Klais-Orgel (2010), Wolfgang Rihms Deus passus zum 60. Geburtstag des Komponisten (2012). Außerdem erklangen eine Reihe von Karlsruher Erstaufführungen: O. Messiaens Trois Petites Liturgies (2004), Regers Dies irae (2014), Lili Boulangers Chor- und Orchesterpsalmen (2015, 2018).
 
Neben seinem Kantorenamt lehrte Carsten Wiebusch zunächst an der Hochschule für Musik Karlsruhe und an der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg und wurde 2017 auf die Professur für Orgel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt berufen. Konzertreisen (2011 Erzgebirge, 2014 Ostsee, 2017 Südtirol) führten den Chor in dieser Zeit jeweils mit Konzerten in bedeutende (Dom)Kirchen.
Durch den erfolgreichen Konzertzyklus Faszination Orgel und in seiner Funktion als Organist der Christuskirche ist Wiebusch dem Chor und der Christuskirche weiterhin eng verbunden. Ein besonderer Höhepunkt war das Abschiedskonzert von Carsten Wiebusch mit G. Verdis Quattro pezzi sacri und Lili Boulengers 130. Psalm im März 2018.
 
Seit 2018 bringt Peter Gortner seine Leidenschaft für englische Chormusik in die Konzertprogramme des Oratorienchores ein. Besondere Aufmerksamkeit erregte der Chor im November 2018 unter seiner Leitung mit der deutschen Erstaufführung des Oratoriums There was a Child von Jonathan Dove. Aus der fruchtbringenden Zusammenarbeit der drei Chorformationen Oratorienchor, Kammerchor und Cantus Juvenum entstanden in den zurückliegenden Jahren eindrucksvolle CD-Produktionen: Mendelssohns Elias (2019) und Paulus (2024), Arthur Sullivans The Light of the World (Dt. Ersteinspielung, 2023). Insbesondere während der Corona-Pandemie bewies sich der Chor als äußerst flexibles Ensemble und bereicherte regelmäßig die Gottesdienste und Abendandachten in der Christuskirche mit kleinen Chorformationen bis hin zur Aufführung des „Requiems für Mozart“ unter Coronabedingungen. In Zusammenarbeit mit BadenTV wurde dieses Konzert live gesendet und kann auf dem YouTube-Kanal der Christuskirche nachgehört werden. Im vergangenen Jahr kooperierte der Chor erstmals mit der Philharmonie Baden-Baden und brachte E. Elgars The Dream of Gerontius zur Aufführung. Auch dem jetzigen Chorleiter Peter Gortner ist die Ausbildung der nächsten Generation von Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern wichtig, weshalb er zunächst an der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg und aktuell an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart einen Lehrauftrag im Fach Chorleitung innehat.
 
Möchten auch Sie im Oratorienchor Karlsruhe an der Christuskirche mitsingen? Kontaktieren Sie gerne unseren Chorleiter Peter Gortner und vereinbaren Sie einen Vorsingtermin unter: kantor@christuskirche-musik.de
 
Für den Oratorienchor im Jubiläumsjahr 2026,
Ernst-Ludwig Karl